Die Neuen Jahreszeiten. Eine Musik- und Poesiewerkstatt

Im Mai 2019 war das ehrwürdige Schloss Genshagen drei Tage lang voller Musik, voller Poesie, voller Klänge. Kinderlachen, Handyblitze, Kickerschreie. Zwanzig Jugendliche ließen die alten Mauern zu neuem Leben erwachen, während im Park der Frühling seine ganze Pracht entfaltete. Die Stiftung Genshagen hatte zusammen mit dem Berliner Haus für Poesie und dem Potsdamer Verein MitMachMusik – ein Weg zur Integration e.V. die Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren zu einer Musik-Poesie-Werkstatt ins Schloss Genshagen eingeladen. Zehn von ihnen waren Schülerinnen und Schüler des Leibniz-Gymnasiums Potsdam, die anderen zehn waren geflüchtete Jugendliche aus Syrien, Irak und ­Afghanistan, die seit kurzem in Brandenburg leben und bei MitMachMusik ein Musikinstrument erlernen. „Die neuen Jahreszeiten“ – so lautete das Thema für die gemeinsame Arbeit. Jahreszeiten prägen hier in Europa unser gesamtes Weltbild, die Natur, die Kulturen, die Traditionen, die Religionen, die Musik, die Poesie.

Doch Jahreszeiten sind auch vielfachem Wandel ausgesetzt, und es ist nicht mehr sicher, dass es im Winter Schnee, im Frühling Regen, im Herbst Wind und dazwischen etwas Wärme und Sonne gibt. Die Welt gerät aus den Fugen und die Jugendlichen sind sich ihrer unsicheren Zukunft in dieser Hinsicht sehr bewusst. Jahreszeiten verändern sich auch dann, wenn man sich selbst verändert und den Weg in einer neuen Heimat suchen muss, wo vieles ganz anders ist. Daher fragten sich die Jugendlichen gegenseitig: Wie schmeckt eigentlich der Sommer bei dir zu Hause? Was ist deine schönste Erinnerung an den Winter? Zuvor hatte jede und jeder von ihnen ein Foto für jede Jahreszeit ausgewählt, das diese symbolisieren sollte. Auf einem gemeinsamen Instagram-Account konnten sie die Bilder der anderen betrachten. Die Fotos dienten später als Inspirationsquelle und als Ausgangspunkt für einen Austausch über (Kindheits-) Erinnerungen an Jahreszeiten, Naturphänomene sowie jahreszeitliche Rituale. Die Erkenntnisse über die vielfältigen Bedeutungen von Jahreszeiten wurden anschließend künstlerisch ausgedrückt. In der Poesie-Werkstatt schrieben alle Jugendlichen zunächst Haikus. Haikus sind in einer strengen Form gebaute japanische Gedichte, die aus drei Versen bestehen und in denen traditionellerweise Jahreszeiten abgebildet werden. Bashô (1644-1694) brachte die sich noch entwickelnde Gattung zu literarischer Blüte, Shiki (1867-1902) prägte den Namen Haiku und führte sie in die Moderne. Heute werden Haikus in allen literarischen Kulturen der Welt geschrieben. Auf Wunsch der Jugendlichen entstanden auch längere Spoken Word-Texte und sogar ein Lied. Die Jugendlichen schrieben auf Deutsch, auf Arabisch, auf Persisch und auf Englisch und haben sich selbst oder sich gegenseitig übersetzt. So arbeiteten sie in immer neuen Konstellationen miteinander. Parallel zu den entstehenden Werken wurde in der MusikWerkstatt überlegt, welche Möglichkeiten der Vertonung von 5 Texten es gibt. Die Geiger, Gitarristen, Cellisten und Perkussionisten fragten sich: Wie klingt eigentlich der Regen? Was macht der Wind für ein Geräusch? Was ist der Klang von zerbrechendem Eis? So entstanden kurze Kompositionen, mal liedhaft, mal abstrakter, die den musikalischen Rahmen für eine gemeinsame Präsentation ergaben. Den Bühnenhintergrund bildeten selbstangefertigte Illustrationen im bei den Jugendlichen sehr beliebten Handlettering-Stil. Dem einen lag das eine mehr als das andere, aber alle Teilnehmenden haben sich in allen Bereichen der Werkstatt ausprobiert. Bei ihrem kreativen Schaffen wurden sie von professionellen Künstlerinnen und Künstlern, selbst mit oder ohne Fluchterfahrung, die nur für einen Tag oder für die gesamte Dauer der Werkstatt mit dabei waren, begleitet. Neben theoretischem Wissen über Dichtung und Musik wurden Schreib- und Übersetzungshilfen sowie Übungen zu Atemund Sprechtechniken angeboten und Unterstützung bei der Komposition und bei den musikalischen Proben geleistet. Wir bedanken uns hierfür bei Mahmood Amiri, Bas Böttcher, Alan Ibrahim, Sebastian Krämer, Dean Ruddock, Alwand Sofi und Kathrin Sutor. Die festliche öffentliche Präsentation am 29. Mai 2019 im Großen Saal des Schlosses Genshagen war ein bedeutendes Erfolgserlebnis für die Jugendlichen. Wir möchten uns bei den Künstlerinnen und Künstlern, bei der Journalistin Hiba Obaid, dem Leibniz-Gymnasium Potsdam und seinen engagierten Lehrerinnen sowie bei den Förderern des Projekts, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, bedanken. Ganz besonderer Dank aber gebührt den Jugendlichen, die das Projekt mit ihren vielfältigen Talenten, ihrer unerschöpflichen Kreativität, ihrer Offenheit und Gegenwärtigkeit sowie ihrer Zukunftsfähigkeit zu einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk geführt haben. Noémie Kaufman (Stiftung Genshagen), Karla Reimert Montasser (Haus für Poesie), Marie Kogge (MitMachMusik – ein Weg zur Integration e.V.).

Der Gedichtband ist als pdf hier kostenfrei erhältlich.