2018–2020: 2 Jahre Poetische Bildung und Partizipation am Haus für Poesie

Zwei Jahre Poetische Bildung am Haus für Poesie, das bedeutet auch zwei Jahre BesucherInnen-Feedback. Sei es via Mail, Facebook oder mündlich, sei es über unser analoges Gästebuch. Natürlich ist das Lyrikpublikum das beste der Welt! Viele, viele TeilnehmerInnen haben uns befragt, bewertet, beurteilt und auch mal verurteilt – auf dass das Haus für Poesie sich zu einem (noch) besseren, manchmal auch zu einem völlig anderen Ort wandeln möge. Vielen herzlichen Dank dafür und bitte immer weiter machen: damit wir offen, lebendig und kritisch bleiben dürfen! Eine Auswahl lustiger, interessanter und über den Anlass hinaus für unsere Arbeit relevante Kommunikationen veröffentlichen wir hier in loser Reihenfolge…

Schwäbische Maultauschen, Spontanlesungen, Lyrikline und die offene Stadtgesellschaft als translatologisches Projekt…

Liebe Frau Montasser, herzlichen Dank für Ihre charmante Mail und Ihre erneute Einladung, die ich sehr gerne annehmen werde –(…) Auf der Heimfahrt habe ich noch über Ihre Ausführungen zur „offenen Stadtgesellschaft“ nachgedacht, zumal uns diese bei unserer Exkursion ja tatsächlich Thema war. Mein Denkfehler war wohl derjenige, dass mir der/die Adressat/in der Website nicht ganz klar war – als Deutsche bin ich mit dem Verstehen natürlich überfordert (das war ja meine Argumentationsweise), aber ein arabischer Muttersprachler ist es nicht, und vermutlich möchten Sie diese ansprechen? Das ist natürlich der richtige Weg, und es würde mich lediglich interessieren, ob dies gelingt, ob Sie Erfahrungswerte haben? Ansonsten beschäftigt mich der Gedanke der kulturellen Übersetzung ganz grundsätzlich, erst jüngst habe ich dazu einen Sammelband herausgegeben.  Liebe Frau Montasser, es war schön und erfrischend, Sie und das Haus für Poesie kennenzulernen! Deshalb will ich noch rasch schreiben, dass die Studierenden von Ihrer spontanen Autorenlesung sehr beeindruckt waren. Für heute grüße ich Sie sehr herzlich und danke Ihnen noch einmal sehr für Ihre Gastfreundschaft – auf eine Wiederholung !  Ihre C. D.  

Liebe Frau D.,  herzlichen Dank zurück für die ebenfalls sehr charmante Mail! Ich war auch ganz beeindruckt von meiner spontanen Lesung. Also, dass sich durch die Gruppe und unsere Begegnung etwas aufat, was poetisch ist: ein Schutzraum für Ungeschütztes. Ein poetischer Moment, in dem durch viele Zufälle auf einmal genau der richtige Zeitpunkt für ein Gedicht war. Und das Gedicht auch noch dem Publikum entgegenkam.  Es wäre sehr schön, wenn in diesem Moment für einige der Gruppe etwas aufscheinen konnte, was die Frage beantwortet: Warum machen Leute denn ausgerechnet Lyrik? Was wollte ich noch sagen. Sie sind natürlich immer herzlich willkommen. Ab dem Herbst können Sie am Haus für Poesie übrigens auch jeden Monat Workshops zu wichtigen Themen der Poesie besuchen, zum Beispiel zu Elternschaft/Kindheit, Sexualität/Begehren, Krankheit und Alter. Aber auch zu den Themen Antisemitismus/Rassismus in der Lyrik, Autorenportraits, den Lyrikbetrieb und vieles mehr.  Was die „offene Stadtgesellschaft“ und die Lyrikline angeht, so ist bei dem Besuch vielleicht untergegangen, dass die Lyrikline kein nationales, sondern ein internationales Archiv ist, mit über 30 Partnerländern, die daran teilnehmen. Wie Frau Otto erklärte, ist die Lyrikline in einigen der teilnehmenden Ländern sogar der einzige erreichbare „Buchladen“.  Eingeschränkt gilt das natürlich auch für die Kriegsgebiete in Syrien oder Afghanistan. Also ja, selbstverständlich wird die Lyrikline von sehr vielen arabischsprachigen Menschen gelesen, oftmals sogar als einzige Quelle.  Für die Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung hier in der Stadt haben wir regelmäßige Angebote. Wir arbeiten im Rahmen von „Liberté. Neue Märchen für eine Welt“ im Sinne der Widerstandskämpferin Noor Inayat Khans transkulturell märchenpädagogisch, die „Neue Nachbarschaft“ macht Patenprojekte mit Journalisten und SchriftstellerInnen, und zusätzlich haben wir noch das Programm „Wir machen das“, ebenfalls für Menschen, die hier kulturell integriert werden wollen. Für die Frage nach der kulturellen Übersetzung sind vielleicht unsere „Versschmuggel“-Projekte für Sie interessant, bei denen sich seit mehreren Jahrzehnten DichterInnen gegenseitig übersetzen. Translatologie ist in der heutigen Lyrik quasi mit eingewoben. Ich kenne keinen Dichter und keine Dichterin, die nicht auch übersetzerisch tätig sind. Eben weil Lyrikübersetzung kein Markt ist. Spannend ist, wie dadurch ein ständiger Zufluss von außerdeutschem dichterischen Wissen in Personalunion (also durch DichterInnen selbst) in den Resonanzraum mit einfließt. Uljana Wolf hat dazu wundervolle Gedichte geschrieben.  Und ja, die Weihnachtsmaultaschen haben wir zusammengekocht und sie haben viele blankliegende Festivalnerven beruhigt.   Herzliche Pfingstgrüße nach Ludwigsburg Karla Reimert Montasser

Ich schreibe nun schon mein Leben lang Gedichte…

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe nun schon mein Leben lang Gedichte. Habe mich auch hin und wieder an Wettbewerben beteiligt, aber nie eine Rückantwort erhalten, obwohl meine Gedichte beachtenswert gefunden werden. (…) Zwar habe ich einen Brotberuf, habe drei Kinder groß gezogen, und bin über die ganzen Jahre hinweg nun schon sechzig geworden. Ich bin mit J. R. befreundet, der mir immer wieder sagt, nicht aufzugeben und immer wieder einen Anlauf zu starten. Mache ich auch gerne, kein Problem für mich „Rückschläge“ wegzustecken, denn Gedichte schreiben ist für mich so notwendig wie das Atmen. Meine Vermutung ist, mein „Scheitern“ liegt daran, dass ich meine Gedichte unlektoriert einschicke. Kein Germanist und kein Literaturwissenschaftler zu sein ist sicherlich nicht ausschlaggebend, wird aber (nur eine Vermutung meinerseits) als Kriterium bei Juroren, zwar ungewollt, aber dennoch mit dem Gewicht eines Staubkorns erschwerend dazu kommen, ohne dass ich darüber gram wäre (ich denke immer positiv). Meine Frage ist jetzt die (bei der großen Fülle von Lektoren im Internet) kennen sie jemanden, mit dem ich mal Kontakt aufnehmen könnte, langsam tastend, mit dem Ziel, irgendwann jemanden zu kennen der bereit ist meine Texte quer zu lesen und mich z.B. auf das eine oder andere falsch gesetzte Satzzeichen oder die eine oder andere Unebenheit hinzuweisen? Ich weiß, ein seltsames Anliegen, aber glauben sie mir, ein falscher Schritt in die falsche Richtung, und schon muss man wieder „Le(e)hrgeld“ bezahlen. Da ich Lyrik liebe, freue ich mich über jedes gute Gedicht, besuche gerne Lesungen und höre auch gerne immer wieder jungen Preisträgern zu. Vielleicht haben sie eine Idee wie mir weiter geholfen werde kann, würde mich sehr darüber freuen.

Mit freundlichen Grüßen

H.

Sehr geehrter Herr H.,

vielen Dank für Ihre Mail mit den vielen Fragen. Wir freuen uns immer über Menschen, die Gedichte auch benötigen wie die Luft zum Atmen und sich trotz eines ganzen Lebens immer noch Zeit nehmen zum Schreiben! Vielleicht entdecken Sie einfach in den nächsten Wochen und Monaten mal das Haus für Poesie als Ort für Inspiration, Miteinander und Fortbildung. Wenn wir Sie und Ihre Gedichte besser kennenlernen, dann findet sich vielleicht auch ein passender Lektor. Ich selbst unterrichte noch diesen Sonntag (5.8.)  von 11-15 Uhr in der Offenen Poesie- und Kunstwerkstatt. Kommen Sie einfach vorbei und schreiben Sie mit uns, dann schaue ich mir Ihre Texte schon mal an. Sie werden nicht der Jüngste und nicht der Älteste sein…  Ab Herbst haben wir das Format „SelbstVERSuche“, jeweils mit anderen DozentInnen. Sie können sich jeweils für den Abend bei mir  anmelden und erhalten dann viele Tipps und Übungen für Ihr eigenes Schreiben. Im September wird Uljana Wolf unterrichten, im Oktober Brigitte Oleschinsky. Ab November wird es den „Lyrikklub“ im Haus geben. In dem Format können in der Gruppe alle Fragen nach dem Literaturbetrieb, Ausschreibungen, Veröffentlichungen usw. gestellt werden. Der Lyrikklub ist ein kostenloses offenes Format. Auch hier heißen wir Sie herzlich willkommen.

Mit freundlichen Grüßen aus dem Haus für Poesie

Karla Montasser

Sehr geehrte Frau Montasser, gibt es bei Ihnen am Haus für Poesie auch Veranstaltungen in Englisch oder in leichtem Deutsch?

Sehr geehrte Frau K., 
vielen Dank für Ihre Anfrage! Sie scheint aufgrund von Corona etwas aus der Zeit gefallen, aber wir hoffen natürlich auch sehr, dass wir spätestens nächstes Jahr wieder Gäste aus Australien, USA und Kanada begrüßen dürfen. Zu ihrer Frage. Wir arbeiten auf lokaler Ebene mit dem British Council, der New York University Berlin und dem Pratt College zusammen. Hier ist es vor allem die (zwischen Berlin und New York lebende) Dichterin Uljana Wolf  https://de.wikipedia.org/wiki/Uljana_Wolf  , die genau genau das anbietet, was Sie vermutlich im Sinn haben. Workshops, Lesungen und Diskussionen für Sprachlernende in einfachem Deutsch. Sie ist auch die Dozentin für unsere Ausbildungsgruppe der open Poems. Das Team der Poetischen Bildung im Haus für Poesie besteht zudem aus professionellen DozentInnen mit mehreren Muttersprachen. Unsere Dozentin Patty Nash ist zum Beispiel in Iowa als creative writing Lehrerin ausgebildet worden. Die Künstlerinnen Ella Ponizovsky (Israel/New York) und Natsuyo Koizumi (Tokyo/Wien) unterrichten ebenfalls auf Englisch, beziehungsweise mit nonverbalen Impulsen. Unsere individuellen Kursangebote auf Englisch oder in leichtem Deutsch reichen von Übersetzungswerkstätten über Poesie- und Kunstwerkstätten, Songwritingworkshops, Haikuwriting-Workshops bis hin zu nature-writing, Graffiti und Kalligraphie (vor Ort und im Mauerpark), feministisches und queeres Schreiben, Spoken Word und Rap, Poetry Yoga und Poesiefilm mit Voice-over Sprechen. Wir haben gute Erfahrungen mit einer Gruppengröße von bis zu 15 Personen und einer Workshoplänge von ca 2 Stunden gemacht. Aber auch größere Gruppen sind möglich. Wir befinden uns in der Kulturbrauerei, genau nebenan ist ein DDR-Museum (Eintritt ist dort frei) und Berlin on Bike. Daraus lässt sich ein guter Berlin-Tag bauen (was auch viele Gäste so arrangieren). 2 x2 Stunden Workshop im Haus für Poesie, die jeweils andere Gruppe besucht in der Zeit das Museum. Danach eine Stadtrundfahrt mit Fahrrädern. Die Preise variieren (je nach Materialaufwand, Studiobenutzung, Instrumente, Länge des Workshops usw.). Wünschen Sie sich einfach etwas und wir schauen, ob wir ein Programm möglich machen können.

Mit besten Grüßen zurück aus dem Homeoffice des Hauses für Poesie 
Karla Montasser

Über die Heimat von Gedichtzeilen:

Hallo. Darf man Gedichtzeilen von anderen Dichtern in ein eigenes Gedicht einfügen? Ich habe, Rücksprache mit meiner Lehrerin gehalten und sie hat gesagt, es sei wichtig, dass man zwar Zeilen von anderen Dichtern verwenden darf, aber nur wenn sie für den Anlass geschrieben wurden. In dem Gedicht soll es einfach über Heimat gehen. Egal ob über das Gefühl, den Ort, die Leute, die Gemeinschaft. Einfach nur über das Thema Heimat. V.

Hallo V.,

vielen Dank für deine Mail! Um gleich deine Frage zu beantworten: du darfst jederzeit einen Vers aus anderen Gedichten in deinem Gedicht zitieren (sogar bis zu drei „Lines“ sind frei)! Es wäre aber gut, das als Zitat zu kennzeichnen (zum Beispiel dadurch, dass du die Zeilen kursiv machst). Wenn du uns kurz erklärst, worum es geht, können wir auch sehr gern für dich bei Dichtern anfragen, ob sie den Kontakt zu dir haben wollen. Die meisten sind sehr nett und werden das sicher tun (Kontaktdaten einfach so rausgeben dürfen wir nicht, aus datenschutzrechtlichen Gründen). Hier im Haus gibt es auch eine Schreibgruppe der Schreibenden SchülerInnen, die sich gerade immer online trifft. Sie heißt „weiter im Text“. Falls du Schreiben zu einer Freizeitbeschäftigung (oder sogar einer Passion) machen möchtest und noch eine geistige Heimat suchst, bist du da gut aufgehoben.

Herzliche Grüße aus dem Homeoffice vom Haus für Poesie

Karla Montasser

Wo bleibt der Genuss in der zeitgenössischen Lyrik?

Liebe Frau Montasser, habe eben auf Lyrikline ein Dutzend Gedichte von Elke Erb versucht genussvoll zu lesen. Es ist mir nicht gelungen. Ich möchte Sie fragen, ob Verse in der Tradition von Mascha Kaleko und Erich Kästner heute überhaupt noch eine Chance haben (…) Ist das Haus für Poesie ein Ort für ‚Verse in klassischer Manier‘? Die Begeisterung Ihres Vorsitzenden für Elke Erb lässt mich zweifeln. Fast die gesamte moderne deutsche Lyrik der letzten fünfzig Jahre (ich gehe auf die 60 zu) ist mir zuwider…

M.

Lieber Herr M., vielen Dank für Ihre Mail und Ihre Gedichte. Selbstverständlich ist das Haus für Poesie auch ein Ort für „Klassische Gedichte“. So sind neben der Gegenwartslyrik in der Lyrikline auch Gedichte von Kästner, Brecht oder Hesse zu finden. Die „Stufen“ von Hesse sind mit ca 5000 Aufrufen täglich das am häufigsten gehörte deutschsprachige Gedichte. Im Hausprogramm haben wir dieses Jahr eine große Veranstaltung zu Hölderlin. Viermal im Jahr veranstalten wir außerdem ein Format, in dem wir verstorbene Dichter mit der Gegenwart zu versöhnen suchen. Im Herbst 2020 wird das Rudolf Borchardt sein.  Auch in unseren Ausbildungsklassen werden klassische Formen von Haiku bis Sonetten hin vermittelt. Ja, wir lieben auch Gedichte mit strengen Reimformen und Genuss am traditionellen Bild! (…)  Unsere Aufgabe als Haus für Poesie ist es jedoch vor allem, die zeitgenössische avancierte Lyrik zu fördern. Avanciert bedeutet, dass sie im weltweiten Gespräch der Lyrik auf Augenhöhe mitspricht, dass sie die Welt in Sprache spiegelt und das poetische Denken in allen möglichen Bereichen zulässt. Und, natürlich, sind wir auch für Inklusion. Das bedeutet, dass die Lyrik wie jede andere Kunstform auch, früher viele Perspektiven ausgeschlossen hat. Auch Perspektiven, die vielleicht nicht von Beginn an so perfekt sind wie die klassische männliche weiße Perspektive (die hatte ja viel mehr Zeit zum Üben und war ausschließlich gemeint in der Tradition). Avanciert bedeutet zudem, dass nicht hinter die Sprachkritik Paul Celans oder anderen Dichtern der Nachkriegszeit zurückgegangen werden kann.

Wenn Sie Lust haben, können Sie gern mal einige Ihre Gedichte in unserem Lyrikklub (zur Zeit alle zwei Wochen online) vorstellen und sich Feedback abholen. Keine Sorge, da sind auch andere 60-Jährige dabei. Melden Sie sich einfach unter der Mitmachen-Adresse an. Übrigens wurden auch die Gedichte von Kästner und Brecht zu ihrer Zeit als unästhetisch und den Genuss zerstörend empfunden. Innovation ist nicht zu haben, ohne den geltenden Geschmack zu verletzen.  

Und ja, wir lieben Elke Erb und ihr großartiges Werk. Eine Dichtung, die immer ganz nah am Denken ist. Die sich und Traditionen immer wieder hinterfragt, ganz unprätentiös. (…)

Mit herzlichen Grüßen aus dem Haus für Poesie  Karla Montasser 

Sich mal in aller Ruhe unterhalten… Nur worüber?

Sehr geehrte Karla,
Ich würde sie sehr gerne treffen, aber im Moment bin ich bisschen beschäftigt.
Soweit ich mit alles fertig bin rufe ich sie an oder schreibe einen Mail , weil ich möchte mit Ihnen in aller ruhe unterhalten.
Mit freundlichen Grüßen,
N.

Lieber N,

ich freu mich auf ein Treffen mit dir. Schreib mir am besten kurz eine Mail, damit ich weiß, worum es geht.

Herzliche Grüße Karla