Der Bereich „Mitmachen“ und seine Unterbereiche im Haus für Poesie


Nur was zur Sprache kommt, kann in die Sprache kommen. Poetische Bildung bedeutet, die „offene Kunst der Sprache“ erlernen zu dürfen, die Fähigkeit, Worte für sich als Material nutzen zu können und unzählige Verfahren zu erproben, sie auf gute Weise zu verwenden. Warum verwende ich ein Wort und nicht ein anderes? Und durch welche unsichtbaren Fäden sind zwei oder mehr Worte miteinander verknüpft? Das Nachdenken darüber führt in Geheimniszustände der Sprache. Poetisches Denken bedeutet daher auch, tief in Worte hineinhorchen zu können, ihre Koffer zu öffnen und mit ihnen auf Reisen zu gehen. 

Poesie ist aber weit mehr als die Kunstform der Sprache. Sie ist Gegenwart in Sprache, kürzeste Synapsenverbindung zwischen Herz und Hirn, Weltgespräch, Forschung, Meditation, Schärfung der Wahrnehmung und Einübung ins Eigenste. Ein Mensch, der für uns dichtet: das ist, mit Verlaub, Liebe!

Die Kunstform der Sprache zu lernen besitzt aber auch eine große gesellschaftliche Bedeutung. Nur literarische Bildung ermöglicht in unserer schriftgeprägten Umwelt wirkliche aktive Teilhabe und Formulierung eigener Perspektiven. Leseverständnis- und Schreibkompetenz, aber auch die Anwendung von geschriebener und gesprochener Sprache sind darüber hinaus entscheidend für späteren beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Die literarische Bildung ist daher aus unserer Sicht die wichtigste Kulturelle Bildung. Sie geht aber in der Verbindung mit Poesie weit über das hinaus, was bei der Vermittlung von ungebundener Sprache möglich ist, benötigt und erzeugt völlig andere und sehr spannende Kompetenzen.

Das Haus für Poesie bietet seit 2006 hierfür Schreibgruppen, Schulprogramme, offene Treffen und Werkstätten an, in denen das Augenmerk auf dem eigenen Schreiben der Teilnehmenden liegt. Diese Projekte wurden unter anderem von Tina? Thanassis? Wem noch? geleitet. 2018 konnte dann endlich ein eigener Bereich für die Poetische Bildung und Partizipation geschaffen werden – ein langgehegter Traum ging damit in Erfüllung. Verantwortet wird der Bereich von Karla Reimert Montasser und dem Team der Poetischen Bildung.

Darf ich bei euch mitmachen? Na klar! Mitmachen ist im Haus für Poesie sogar so erwünscht, dass wir einen eigenen Bereich dafür geschaffen haben. Was heißt einen Bereich, eigentlich sind es acht. Hier kommt eine Übersicht:

Poetische Bildung für Kinder und Jugendliche

Der Unterbereich der Poetischen Bildung umfasst alle temporären Projekte schulischer und außerschulischer Kultureller Bildung für Kitas, Schulen und Freizeitgruppen sowie Veranstaltungen auf den Festivals poesiefestival berlin und ZEBRA Poesiefilmfestival. Die Poetische Bildung nimmt dabei Sprache als Kunstform ernst und bietet zum Beispiel Projekte zu Haikus, Balladen, Sonetten, Listengedichten, Spoken Word-Formaten, Rap und Märchen an.

© Alexander Gumz

Nachwuchsförderung für junge DichterInnen

Das Haus für Poesie bildet als einziges Literaturhaus in Deutschland durchgängig und kostenfrei junge DichterInnen zwischen 12 und 28 Jahren aus. Dafür gibt es die Werkstätten „Weiter im Text“ (in Kooperation mit „wortbau“) bis 18 Jahre, die „young poems“ ( 18-23 Jahre) und die „open poems“ (23-28 Jahre). Dazu kommen Wettbewerbe, Anthologieprojekte und individuelle Beratungen.

© Mirko Lux

Erwachsenenbildung

Das Haus für Poesie ist auch ein lebendiger und lustvoller Ort der Erwachsenenbildung. Neben der monatlich stattfindenden Werkstatt „SelbstVERSuche“, werden offene Akademien (wie derzeit die dreijährige „Akademie zur Lyrikkritik“), Symposien und Kolloquien sowie Meisterklassen auf den Festivals abgehalten. In den Sommerferien gibt es transgenerative Kunst- Poesie-Werkstätten.

© gezett

Partizipative Projekte und Offenes Haus

Das Haus für Poesie versteht sich als offenes Haus. Wir freuen uns auf Fragen, Besuche, Vorschläge und vor allem selbstgestaltete Angebote. So gibt es seit 2019 monatich den selbstverwalteten lyrikklub, eine offene Werkstatt für DichterInnen von AmateurIn bis Profi. Freie Lyrikkollektive können Räume für Treffen buchen.

Francesca Beard © Carlos Cazurro

Autorenservice

Das Wohlergehen von Dichtern und DichterInnen liegt uns auch außerhalb des Programms am Herzen. Es ist die DNA des Hauses. Wir stehen für Anfragen und Gespräche jederzeit LyrikerInnen zur Verfügung. Dazu gibt es Lange Nächte des Guten Exposés, Coachings und guten Rat.

Ausbildung in Kulturprojektmanagement und Seminarleitung Poetische Bildung

Wir lernen unsere zukünftigen KollegInnen gern so früh wie möglich kennen. Das heißt, wir bilden nicht nur junge LyrikerInnen in Sprachkunst aus, sondern fühlen uns auch ihrer Ausbildung in Projektmanagement und Seminargruppenleitung verpflichtet. Praktika in der Poetischen Bildung werden von erfahrenen PädagogInnen betreut. Das Haus für Poesie ist zudem anerkannte Stelle für Praxissemester. Darüber hinaus bieten wir freiwillige Praktika zwischen 6 Wochen und drei Monaten sowie SchülerInnenpraktika an. Wir vergeben außerdem in einem halbjährigen Verfahren den Kompetenznachweis Kultur der BKJ in der Sektion Sprachkunst an Kinder, Jugendliche und Junge Erwachsene.

Qualitätssicherung, Forschung und Lobbyarbeit für Lyrik

Zur Sicherung der Qualität in Ausbildung und Lehre, Programm und Konzeption ist das Haus für Poesie Partner vieler Initiativen. Zum Beispiel der Gesellschaft literarischer Gedenkstätten, dem Netzwerk Lyrik e.V. , der AG Kurzfilm, dem Netzwerk Kulturelle Bildung Integration und anderen. Das Haus für Poesie setzt im Programm der Poetischen Bildung, der Erwachsenenbildung und der Partizipation die Rahmenpläne Kulturelle Bildung Berlin, Kulturelle Bildung Integration vollständig um. Der Unterricht ist kompetenzorientiert und findet nach einem eigens erstellten Kompetenzkatalog Lyrik und Sprachkunst statt. Als einziges öffentlich gefördertes Haus für Poesie setzen wir uns auf Stadt-, Landes-, und Bundesebene unermüdlich für Lyrik und Sprachkunst ein.

Integration, Inklusion, Vielsprachigkeit und Vielgeschlechtlichkeit – das Haus für Poesie als Ort für alle

Das Haus für Poesie veranstaltet regelmäßig Projekte, die benachteiligte Perspektiven in das Programm bringen. Es fördert Kooperationen mit Einrichtungen für eingeschränkte KünstlerInnen und ist Ankerinstitution für AutorInnen mit Fluchthintergrund. Perspektiven von Homosexualität und Transgender sind benachteiligt und werden von uns gefördert. Dies gilt auch für non-white Perspektiven. Das Haus für Poesie bietet Informationen in leichtem und in einfachem Deutsch an und veranstaltet Leseformate für Deutschlernende. Der lyrikklub ist offen für alle Sprachen. Ebenso werden Schulprojekte in vielen Sprachen oder mit translatologischen Aspekten durchgeführt. Das Haus für Poesie ist Gründungsmitglied der „Vielen“. Es betreibt Lobbyarbeit für verfolgte KünstlerInnen und SchriftstellerInnen.